Griechenland

Griechischen Wein haben wir zwar auch probiert, aber bemerkenswerter war für mich eigentlich erstmal das Gefühl wieder in Europa zu sein. Dabei war die Grenzformalität nur ein flüchtiger Blick auf unsere Pässe und die ersten Stunden im Euroland nach fast zwei Jahren Exil verbrachten wir mit Warten auf die Anschlussfähre von Chios nach Piräus/Athen. 

Ist hier etwas anders als im Nachbarland? Ich schlendere die kleine Hafenpromenade entlang und versuche die Atmosphäre in mich aufzusaugen. Da liegt eine Segelyacht für eine Mio hier, ein Auto für 100.000 Euros da. Der Kaffee kostet zwei Euro und die Restaurants und Bars mit Aussenheizung sind in der noch kühlen Frühjahrsluft zum Brechen voll. In meinen etwas abgeranzten Reiseklamotten komme ich mir ein bischen underdressed vor, fühle mich aber als würde ich nach einem langen Arbeitstag in meine eigenen vier Wände kommen. Europa. Man kann sich in Unbeachtetheit suhlen und Privatsphäre auf öffentlichem Terrain in vollen Zügen geniessen. Am nächsten Kiosk gibt es neben Postkarten auch Strassenkarten zu kaufen. Einfach so, bester Masstab, das ganze Land oder nur die Region, als sei es normal. Es ist.

Am nächsten Morgen nach durchschiffter Nacht rollen wir etwas gerädert von der Fähre in den Hafen. Nicht, dass ich griechische Fähren mit Indonesischen vergleichen will, aber mit der kerneuropäischen Zucht und Ordnung einer Platzreservierung hatte das nicht viel zu tun. Als flexibler Reisender findet sich aber immer ein Plätzchen auf dem schon reichlich besiedelten Boden. Ganz im Widerspruch dazu gibt es auf dem Festland scheinbar kein Quadratzentimeter Land, das nicht umzäunt, bebaut oder beansprucht würde.

Nach zwei Tagen Athen, welches den Flair historischer Grösse gekonnt unter hässlicher Moderne und schlechter Bausubstanz versteckt hat, radeln wir zum ersten Mal seit zwei Jahren in Europa und sehen Dinge, die wir früher selten wahrgenommen hatten. Die Zäune, die Schilder, die Regeln, die Wortkargheit. Gesichter, die nicht lächeln und Leute, die gestresst sind. Kein Winken und Lachen, keine Teeeinladung an der Strassenecke. Die Freiheit der öffentlichen Anonymität hat ihren Preis. Obwohl wir uns so langsam über Land und Wasser angenähert haben gibt es noch mal einen Sprung zum Nachbarland.

Griechenland sei abgebrannt haben wir in den Nachrichten der letzten Monate immer wieder gehört. Das grosse öffentliche Thema scheint es nicht mehr zu sein. Leider kommen wir mehr mit deutschen Urlauber und anderen Ausländern ins Gespräch als mit den Einheimischen, so dass wir keine Originalaussagen bekommen. Schade, und nachdem man nicht viel aufgehalten wird, rollt die Strasse unter uns nur so weg. Geschoben von einem ordentlichen Südwind geht es in die Berge zur albanischen Grenze.