Spanien

Als wir nach Tagen der frühsommerlichen Wintergefühle an der französischen Mittelmeerküste auch noch Schnee auf den Pyrenäen erblicken, sind wir nicht sicher, ob wir auf dieser Tour noch mal unsere dicken Jacken und Regenklamotten in die Tiefen der Packtaschen vergraben können. Was für kein Sommer.

Aber nachdem wir uns an der kurvigen Küstenstrasse entlang, wie durch den Dienstboteneingang, an den Pyrenäen vorbei, nach Spanien einschleichen, scheint es, als hätten wir den französischen Frühsommerwinter am Portal, dem Gebirgshauptkamm, abgehängt. Endlich ist es warm und ein Rückenwind treibt uns zügig voran zu unserer ersten Anlaufstelle. Vor drei Jahren war ich schon einmal zu Gast in dem freundlichen Haus am Kanal von St. Margarida, jetzt liegt die Erfahrung einer Weltreise dazwischen, und es gibt viel zu erzählen.

Jetzt nachdem es endlich warm ist und uns das Wetter wohlgesonnen scheint, können wir uns durch das Auf und Ab des südlich Pyrenäenvorlandes quälen. Durch spanische Verkehrsplanung, die eine Fortbewegung mit dem Fahrrad schlicht weg ignoriert, sind wir ständig gezwungen auf kleinsten Wegen riesige Umwege zu fahren, weil normale Landstraßen plötzlich zu autobahnähnlichen Straßen umfunktioniert sind, indem alle langsameren Verkehrsteilnehmer einfach durch Schilder verboten werden. Manchmal endet für uns auf diese Weise der „legale“ Asphalt plötzlich und unausweichlich. Worauf wir zum Teil gezwungen werden die lokalen Ordnungshüter auf diesen kleinen Systemfehler aufmerksam zu machen. Besonders amüsiert uns dabei, dass mindestens die Hälfte des  Straßensystems, so scheint es uns durch Bekenntnisschilder am Fahrbahnrand, vom großen Bruder EU finanziert sind. Haben wir also Teilschuld an der Misere? 

Nachdem die Landschaft in sanfte Hügel übergegangen ist und wir schon ein gutes Stück Richtung Westen gefahren sind, werden wir Gast bei einer spanischen Familie. Da wir in die örtliche Grundschule eingeladen werden im Unterricht von unserer Reise zu berichten, können wir uns davon überzeugen, dass die Schule zwar genauso neu wie die meisten Strassen ist, aber wesentlich besser auf die Bedürfnisse der Teilnehmer zugeschnitten. Und die Schulteilnehmer scheinen auch wesentlich glücklicher mit unserer Anwesenheit zu sein als die Straßenbenutzer.

Von der einsamen Stille eines katholischen Klosters, in dessen Obhut wir übernachten durften, bevor wir in Logroño auf die berühmte Pilgerroute nach Santiago, den „Camino“  stoßen, ist nichts mehr übrig. Geradezu schockiert werden wir plötzlich mit Horden von Fuß- und Fahrradpilgern konfrontiert, die alle eine Bleibe für die Nacht suchen. Mit dem Erlebnis des „Camino“, als ich vor 14 Jahren in dieser Stadt ein Bett bezog, hatte das nichts gemein, als ich in der Notunterkunft meine Sachen neben einer Isoliermatte auf dem Boden abstelle.

Die von Schnarchorchestern geprägten kurzen Nächte in den Pilgerherbergen werden von uns morgens von einer Art Urlaubsgefühl abgelöst. Über zwei Jahre sind wir jeden Morgen alleine aufgestanden und haben uns unseren Weg durch fremde Länder gesucht. Jetzt gleicht unser Tagesablauf eher einem Klassenausflug. Überall raschelt es, alle werden gewollt oder ungewollt wach. Es gibt ein schnelles kleines Frühstück und alle gehen raus auf die Straße. Loslaufen, losradeln, alle zum gleichen Ziel, bis man sich abends eine Matte in einem Stockbett oder auf dem Boden einer Turnhalle sucht. Wir schwimmen auf dieser Welle der Motivation einfach mit und lassen uns auf diesem Gemeinschaftsgefühl nach Santiago treiben.

Hier endet für die meisten die Reise und in kleiner Gruppe machen wir uns auf den Weg zu unserem eigentlichen Ziel. Dem Cap Finisterre, dem Ende der Welt am Anfang des Atlantiks, auf dessen anderer Seite wir vor über zwei Jahren unser Reise um die Welt mit dem Fahrrad begonnen haben.

Am Abend des trüben verregneten Tages zählen wir die Kilometersteine runter. Es sind nicht mehr viele bis Null, als wir die Nebelhörner des Leuchtturms hören. In rhythmischen Abständen erklingt der tiefe Bass, bis wir völlig durchnässt im strömenden Regen und dichtem Nebel, das Ender der Straße erreichen.